{"id":902,"date":"2016-12-26T12:30:11","date_gmt":"2016-12-26T11:30:11","guid":{"rendered":"http:\/\/entdeckedeinemenschlichkeit.de\/wp\/?p=902"},"modified":"2019-06-19T12:31:50","modified_gmt":"2019-06-19T10:31:50","slug":"schwierig","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/entdeckedeinemenschlichkeit.de\/wp\/2016\/12\/26\/schwierig\/","title":{"rendered":"Schwierig?"},"content":{"rendered":"\n<p>Du denkst, dein Leben w\u00e4re schwierig, kompliziert, aussichtslos?<\/p>\n\n\n\n<p>Lass mich dir was erz\u00e4hlen. Eine Geschichte, wie sie nur das Leben schreiben kann.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich bin aufgewachsen mit einer depressiven Mutter, das, was mir als erstes einf\u00e4llt, ist, dass sie tagelang fast nicht aus dem Bett gekommen ist und wie sie im Bademantel heulend am Herd steht. Meine Mutter hatte selbst eine schwierige Kindheit, in der sie nie gesehen wurde, nie sein durfte. W\u00e4hrend der Schwangerschaft mit mir ist sie an eine Psychologin geraten, die sie vollends ganz zerst\u00f6rt hat. Erst jetzt begreift sie die Zusammenh\u00e4nge wirklich, so nach und nach. Verstrickt in Familien, wo sie von allen Seiten klein gemacht wurde, wo alle extrem weit weg von sich und daher k\u00fcnstlich waren, ist dauernd an allem verzweifelt. Daher konnte meine Mutter nur selten f\u00fcr mich da sein und ich f\u00fchlte mich schon fr\u00fch nutzlos und unterlegen. Ich hatte vor allem und jedem Angst. Ganz schlimm vor den Klassenkameraden und vor dem n\u00e4chsten Streit meiner Eltern, wie davor, dass meine Mutter ihre Dauerank\u00fcndigung wahr macht und sich umbringt. Ich hatte immer auch meine kleinen Enklaven, beim Spielen in der gro\u00dfen Tanne, beim T\u00f6pfern in der Schule, auf dem Fahrrad. Ich war ein sehr leises Kind, das das Leben zu sch\u00e4tzen wusste, aber nie so richtig mit den anderen mitkam.<br>\nDann, ich war gerade 12, gerade in die 6. Klasse gekommen, bin ich in eine andere Dimension abgebogen. Urpl\u00f6tzlich konnte ich aufgrund verschwommenen Sehens nicht mehr lesen. Ich bin ins Krankenhaus gekommen, von da in die neurologische Klinik, von da in die Kinderpsychiatrie und wieder zur\u00fcck in die Neurologie. Das einzige, was war, war, dass alle immer ratloser wurden und dass es mir immer schlechter ging. So konnte ich vier Wochen nach meinem letzten Schultag nicht mehr richtig laufen, nicht mehr sprechen, nicht mehr schlucken und meine Arme nicht mehr gut gebrauchen. Die \u00c4rzte fanden nichts, stellten nur wilde Theorien auf. So wurde ich bald als vor Schmerzen schreiendes B\u00fcndel entlassen, nicht f\u00e4hig zu sprechen und kaum des Essens f\u00e4hig. Passiertes Essen ging im Liegen halbwegs. Man kann sich vorstellen, dass die ohnehin nicht gerade einfache famili\u00e4re Situation dadurch nicht gerade einfacher wurde. Unterst\u00fctzt durch diverse ambulante Therapien konnte ich einige Monate sp\u00e4ter wieder sprechen, im Sitzen essen und besser laufen. Da sich kein k\u00f6rperlicher Grund f\u00fcr meine Erkrankung finden lie\u00df und ich schlie\u00dflich psychisch alles andere als stabil war, schlug die Kinderpsychologin des hiesigen Krankenhauses vor, dass ich mich in der Kinderpsychiatrie vorstellen k\u00f6nne. Was wir dann so gemacht haben. Tja und so war ich dann fast zwei Jahre lang in der Kinder- und Jugendpsychiatrie und habe mich dort erst gefunden und dann wieder verloren. In der Psychiatrie sind alle meine gespeicherten \u00c4ngste hoch gekommen, weswegen ich einerseits kaum lebensf\u00e4hig und andererseits sehr sensibel war. Ich war dort ein Dreivierteljahr lang \u00fcberwiegend in einem Zimmer was dazu gef\u00fchrt hat, dass ich das staunende Kind wiederentdecken durfte. Leider haben sie in der Psychiatrie weder meine \u00c4ngste noch mein Erwachen verstehen k\u00f6nnen, weswegen ich noch einmal versuchen durfte, in die Normalit\u00e4t abzubiegen. Im Anschluss an die Psychiatrie bin ich in die neu gegr\u00fcndete Intensivgruppe eines Kinderheims gekommen, wo ich gut aufgenommen und versorgt wurde. Dort habe ich mich immer mehr getraut, sogar in die Stadt gehen, um was einzukaufen, war genauso m\u00f6glich, wie den anderen Ausfl\u00fcge machen. W\u00e4hrend ich die ersten Monate dort Hausunterricht bekommen habe, bin ich zum n\u00e4chsten Schuljahr vom Kinderheim aus in die 9. Hauptschulklasse einer nahegelegenen K\u00f6rperbehindertenschule gegangen. Mein Gehirn hat alles an angebotenem Wissen wie ein Schwamm aufgesaugt und so habe ich aus dem Stand heraus einen wirklich guten Hauptschulabschluss hingelegt. Danach bin ich auf ein Internat f\u00fcr K\u00f6rperbehinderte gegangen, um zuerst die mittlere Reife in Form der Wirtschaftsschule zu machen und anschlie\u00dfend das Abitur in Form des Wirtschaftsgymnasiums. So objektiv betrachtet lief in der ganzen Zeit im Internat alles wirklich gut. Nur leider habe ich mich w\u00e4hrend der ganzen Zeit immer mehr von mir selbst entfernt, bis ich am Ende zu einem gro\u00dfen Teil davon bestimmt war, dass ich Angst um meine Noten hatte und daf\u00fcr alles getan habe. Das war r\u00fcckblickend betrachtet eine ganz sch\u00f6n heftige Entwicklung. Wurde ich ein Jahr vor dem Abitur gefragt, was ich nach der Schule machen m\u00f6chte, habe ich gesagt, alles, nur nicht Informatik. In was habe ich nun einen Abschluss und worin arbeite ich seit dem Studium? Richtig, Informatik. Das geliebte Ausschlussverfahren. Durch meine Behinderung dachte ich, dass vieles wegfiele und ich etwas mit dem Kopf machen m\u00fcsse und da ich beim tehnischen Redakteur aufgrund der Rahmenbedingungen kalte F\u00fc\u00dfe bekommen und der Wirtschaftsingenieurprof mir abgeraten hatte, bin ich bei Informatik gelandet. Weil ich das trotz meiner Behinderung machen kann, weil es was mit Zukunft ist und weil man gut verdient. Tja. W\u00e4hrend des Studiums ging es mir immer mehr oder weniger bescheiden, durchgezogen habe ich es nat\u00fcrlich trotzdem, bei sehr guten Noten, versteht sich.<br>\nGegen Ende meiner Schulzeit stellte sich langsam konkret heraus, was meine Behinderung auf physischer Ebene begr\u00fcndet hat: Ein ganz seltener Gendefekt, den es in genau dieser Form einmal gibt. Weltweit. Das wurde zur Gewissheit mit dem Ergebnis der genetischen Untersuchung, das ich ziemlich zu Beginn meines Studiums erhalten habe. Das war einerseits ein ganz sch\u00f6n komisches Gef\u00fchl, andererseits aber auch eine gro\u00dfe Erleichterung, da nun endlich das Damoklesschwert der reinen psychischen Begr\u00fcndung wegfiel. 12 Jahre nach Ausbruch. Die \u00c4rzte, die die Genuntersuchung in die Wege geleitet hatten, rieten mir stark zur sogenannten Tiefenhirnstimulation. Eine Methode, bei der der betroffene Bereich des Gehirns mittels elektrischer Impulse dergestalt angeregt werden soll, dass die k\u00f6rperlichen Symptome stark nachlassen. Ich habe mich dieser OP trotz eines ganz miesen Gef\u00fchls im Vorfeld unterzogen, mit dem Ergebnis, dass es mir in den Monaten nach der OP oft schlechter als vorher ging und ich fast schon s\u00fcchtig nach der n\u00e4chsten Einstellung war. Bis ich schlie\u00dflich die Nase voll hatte und das Ger\u00e4t f\u00fcr circa ein Jahr ganz ausgeschalet lie\u00df.<br>\nW\u00e4hrend des Studiums und danach arbeitete ich in drei verschiedenen Firmen. Bei der zweiten Firma, bei der ich meine zweite Abschlussarbeit geschrieben habe, arbeite ich seit dreieinhalb Jahren wieder und seitdem in Vollzeitanstellung. Anfangs und eigentlich bis vor kurzem ging es mir nie gut auf der Arbeit. St\u00e4ndig Angst, \u00dcberforderung und Lageweile. Seit einigen Monaten wendet sich das jedoch, da meine Angst immer mehr wegf\u00e4llt.<br>\nMeine letzte Umkehr zum Leben ist durch eine Helferin ausgel\u00f6st worden, mit der ich mich vor 2 \u2013 3 Jahren so sehr verhakt habe, dass es mir monatelang richtig schecht ging.<\/p>\n\n\n\n<p>Bei all diesen Punkten ging es mir so schlecht, dass das auch anders h\u00e4tte ausgehen k\u00f6nnen. Ist es aber nicht. Was bedeutet, dass das Leben, das ich bin, noh was mit mir vorhat. Das darf ich immer wieder sp\u00fcren. Es ist so sch\u00f6n, zu sp\u00fcren, dass alles, was passiert ist, einen Sinn hat. So, wie heute Morgen. Nachdem es mir vorgestern gar nicht gut ging. Da hatte ich das Gef\u00fchl, dass mir der Brustkasten aufgerissen wurde, in dieses Gef\u00fchl habe ich mich vertieft. Ich konnte und wollte kaum aufstehen. Abends bin ich dann vor dem Fernseher versackt und habe immer bei Beziehungsszenen einen Heulkrampf bekommen. Das war mein Heiligabend. Er war genau so richtig und wichtig. Solche Tage sind es n\u00e4mlich, wegen denen wir wachsen. Danach f\u00fchle ich mich manchmal wie Mario, nachdem er einen Pilz gefunden hat: Ein ganzes St\u00fcck gr\u00f6\u00dfer.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Du denkst, dein Leben w\u00e4re schwierig, kompliziert, aussichtslos? Lass mich dir was erz\u00e4hlen. Eine Geschichte, wie sie nur das Leben schreiben kann. 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